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Tag 220: Marseille ist hässlich

B: Eigentlich wäre ich heute schlapp genug, um mir keine neuen Eindrücke anzutun, aber wie es halt so ist: Jetzt sind wir hier und haben noch lange nicht alles von Marseille gesehen. Martin schlägt den kürzesten der noch möglichen Stadtspaziergänge vor. Wir fahren wieder mit der Holda in die Stadt, parken aber diesmal an einer relativ großen Straße, von wo aus es durch verschiedene Straßen Marseilles gehen soll. Als wir starten, gehe ich noch davon aus, dass uns gleich schöne Häuser, Straßen und besondere Bauwerke begegnen werden, aber das Gegenteil ist der Fall. Nichts wird schöner! Auf mich wirken die Straßen trostlos, in den Geschäften hier wird seltsamer Ramsch verkauft, die Atmosphäre ist drückend. Menschen mit starren, stumpfen Blicken begegnen uns, die Häuser sind runtergekommen, es stinkt an jeder Ecke. Die Menschen tun mir leid, natürlich ist das auch die Wahrheit, aber ich kann ihnen ja nicht helfen. Ziemlich frustriert bin ich und will hier nicht bleiben. Was uns dann aber auf unserem Weg in Richtung altem Hafen noch überraschend begegnet, ist ein kleiner Wochenmarkt. Hier haben die Menschen wenig Geld, entsprechend günstig werden die Sachen angeboten. Wir kaufen schönen Spargel, Kartoffeln, Erdbeeren, alles eben, was der Frühling so bringt. Das versöhnt mich wieder etwas: hier werden keine genormten Äpfel in Reih und Glied ausgelegt, hier werden ganz ehrlich Obst und Gemüse verkauft.

M: Recht mutig von der Tourist-Verwaltung in Marseille, den obligatorischen Stadt-Erkundungsplan auch mit einer Erforschungstour auszustatten, die zwar ganz klar eine eben auch vorhandene Seite der Stadt zeigt, aber Touristen i.d.R. eher verstören dürfte. Sie führt durch Straßen, die sonst kaum im touristischen Fotogewitter erscheinen würden. Dabei fällt mir auf, dass ich dort auch keine Fotos gemacht habe – wohl, weil ich dauernd auf die schönen Ecken wartete, die nun doch endlich mal auftauchen müssten …. es ist uns beiden wohl erst später klargeworden, dass diese Tour mit mutiger Absicht so zusammengestellt wurde, anch dem Motto: Wir zeigen Euch mal die  Gentrifizierung unserer Stadt. Und so schauen wir uns enge Nebengassen an, die dominiert werden von Mode- und Schmuckläden und -Lädchen, die sich aber allesamt „Großhandel“ nennen! Keine Preisschilder und Verkauf nicht „en détail“, sondern nur „en gros“. Hier gibt es die Ware für die fliegenden Händler  und Souvenirshops – irgendwo muss das Zeug ja auch herkommen…  

Unseren üppigen Einkauf vom ehrlichen Wochenmarkt bekommen wir dann nur mit Mühe auf und in die die Holda gepackt. Uns beide irgendwie noch auf unserem japanischen Lastesel verstaut und dann geht es vollbepackt retour, vorbei noch am supermodernen Stade Velodrome von Marseille, dem größten Fußballstadion Frankreichs, wo heute ein Meisterschaftsspiel von Olympique Marseille stattfindet und die Fans schon reinströmen.

Tag 215: Regen & Cap Canaille

B: Heute regnet es fast den ganzen Tag. Raus wollen wir trotzdem mal. Also geht es mit der Holda auf das Cap Canaille, das man vom Ort aus ganz herrlich sehen kann. Es ist ein rötlich schimmernder Fels, zumindest dann, wenn die Sonne darauf scheint. Um dort hinzukommen müssen wir ein Stück auf der Route des Crêtes,  die auch Corniche des Crêtes genannt wird, fahren. Wir laufen ein Stück auf den Spazierwegen und gehen bis auf die leicht überhängende Kante der Klippe. Von hier oben hat man einen gigantischen Ausblick über das Meer und Cassis, wenngleich mir auch leicht mulmig wird, wenn ich so direkt unter mich schaue, denn da ist erst mal etliche Meter nichts. Nach diesem kleinen, aber feinen Ausflug haben wir wenigstens mal den Wind um unsere Nasen wehen lassen und können jetzt getrost wieder heim in den Klaus 🙂

M: Cap Canaille – tatsächlich ist dieser Sandsteinfelsen mit über 360m die höchste Klippe Frankreichs und beherrscht optisch die Bucht von Cassis (gleich nebenan gibt es noch den Grand Tete mit 399m, aber der gilt irgendwie nicht…).  Die Route des Crêtes ist eine schmale und kurvenreiche Panoramastrecke entlang der Felsenküste zwischen Cassis und La Ciotat, von der wir heute nur einen kleinen Zipfel erwischen. Aber das reicht auch. Oben auf den Höhen der Klippen weht der Wind teilweise ungehindert quer über die Straße – und heute Abend ist es hier richtig windig – huih!   

Aber oben am Klippenrand, da ist es atemberaubend toll. Ein Test für die Schwindelfreiheit, der mit gigantischen Ausblicken belohnt wird – wie B: schon schreibt;) Auch die Calanques in Richtung Marseille und dort vorgelagerte Inseln sind zu erkennen, allen voran die bereits zu Marseille gehörende Île de Riou.

Tag 214: Blumenmarkt in Cassis

B: Heute machen wir tagsüber nicht viel. Wir wissen aber, dass heute und morgen Blumenmarkt in der Stadt ist. Am Nachmittag machen wir einen Spaziergang dort hin. In einem kleinen Park gibt es viele Stände mit natürlich: Blumen – echten und künstlichen – , Seifen, Kunsthandwerk und an einem Stand werden sogar Baumhäuser verkauft. Also, der Aussteller hat keins dabei, aber Fotos davon und eine Baumhausminiatur. Die gefallen mir echt gut! Es ist ein schöner sonniger Tag und wir schlendern wieder zurück zu unserem Plätzchen auf dem Les Cigales.

Tag 213: Cassis

B: Beim Rausschauen heute früh müssen wir feststellen, dass es sehr wohl gute Gründe für die vielen Parkplätze hier am Ende dieser Straße in Cassis gibt. Deutliches Stimmengewirr weist darauf hin, dass wir an einer Schule geparkt haben, deren Eingang wir gestern Abend nicht gesehen haben, so unscheinbar ist er. ALLE Parkplätze sind besetzt und wir belegen einige davon 🙁 Aber wo sollen denn dann die angegebenen Stellplätze sein? Die Antwort bekommen wir von der freundlichen Politesse, die dann vorbei kommt, um uns zu sagen, dass wir hier nicht bleiben können. Sie zeigt uns, wo diese Plätze sein sollen. Wir finden sie sind schwer zu erkennen – es sind etwas größere Parkplätze geziert von weißen Schriftzügen (Camper), die ein paar Meter weiter weg von der Schule liegen.

Nicht weit von hier ist ein Campingplatz, der ‚Camping Les Cigales‘. Ich bin, wie so oft, erst mal skeptisch. Wie, der hat nur 2 Sterne? Da werden ja die Toiletten entsprechend aussehen! Martin redet in solchen Fällen sanft auf mich ein und meint, wir könnten doch mal schauen. Der Platz ist völlig ok, und bald lerne ich auch den netten Putzmann kennen, der Stunden am Tag damit zu verbringen scheint, Duschen und Toiletten mit dem großen Wasserschlauch zu reinigen, immer bester Laune und mit jedem zu einem Schwätzchen aufgelegt. Ich weiß jetzt auch, dass er die Deutsche Nationalmannschaft klasse findet 🙂 Nach unserem Frühstück erkundet Martin erst mal alleine die Stadt Cassis und später machen wir noch einen gemeinsamen Gang dort hin. Mit dem Fahrrad hier in den Ort zu fahren ist keine gute Idee, außer jemand quält sich gern hinterher den Hang wieder rauf. Aber laufen geht gut. Cassis kann lässig mit St. Tropez mithalten, so schön ist es! Nur ist es nicht ganz so aufgetakelt an seinem kleinen Hafen. Es hat alles, was so ein Städtchen am Meer braucht: den Hafen mit Cafés und Restaurants, kleine Gassen, wunderschöne Häuser, kleine Läden und sogar einen Strand. Nicht weit davon ist die gut ausgestattete Touristinfo. Da holen wir uns v.a. eine Wanderkarte für die Calanques, zu denen es von hier aus geht: kleine Fjorde, die man sich erwandern kann.

M: Auch hier wieder: Calanques? Nie vorher davon gehört. Das mit den Fjorden ist der eine beschreibende Aspekt. Der andere ist, dass es sich auch wieder um ein kleines Gebirge handelt – wie das Massif de l’Esterel, das wir vor einigen Tagen kennengelernt haben. Und obwohl zwischen beiden Felsansammlungen gerade mal 100km Luftlinie liegen, sind sie so unterschiedlich, wie sie nur sein können…
Naja, auch die Calanques wollen wir in den nächsten Tagen für uns erschließen, dann mehr dazu.

Nochmal zum nächtlichen Stellplatz: Es war also eine Schule, die sich am Vorabend in der Nacht höchstens als ausbruchssicheres Schwererziehbaren-Heim dargestellt hat … und das mit dem kleinen Tor und dem Stacheldraht obendrauf ist genau das: Der Eingang zum Pausenhof. Fragt sich nur, ob da keiner rein oder raus soll?
Hm, dass die kommunale Ordnungsamt-Mitarbeiterin eine „freundliche“ Politesse gewesen sein soll, bezweifle ich als derjenige, der mit ihr Kontakt hatte. Die gute Frau kam mit ziemlich Dampf auf uns zu, nachdem sie offenbar erst mal in der Schule informiert wurde, dass wieder so ’ne Camperdeppen (also wir) auf den regulären Schulkörperparkplätzen stehen würden. Erst nachdem ich ihr zeigen konnte, dass das von ihr bemühte Camper-Verbotsschild bei der Anfahrt kaum/
schlecht/nicht zu sehen sei, wurde sie etwas angenehmer und erst nachdem ich mich gelehrig zeigte in Hinsicht auf die korrekte Positionierung unseres Klaus, konnte man ihr das Attribut „freundlich“ verleihen;) Allerdings haben wir uns dann nicht mehr dahin bemüht, sondern sind gleich zum Campingplatz weitergefahren.

Es ist schon seltsam: Wo noch vor zwei Tagen etwas weiter östlich an der Côte d’Azur in Agay, in St. Raphael und auch in St. Tropez definitiv Vorsaison war, ist hier in Cassis schon mächtig was los.
Beweis: Die Restaurants und Cafés rund um den Hafen sind proppenvoll, auf dem Markt herrscht Betrieb, der Verkehr kommt zum erliegen, als Parkplatz muss jede noch so ungeeignete freie Restfläche herhalten = Saison!