Tag 103: Sondersendung zwischen den Jahren

M: Gut und gern 3 Monate sind wir jetzt unterwegs, das mag viel oder wenig sein, aber es bietet sich in diesen Tagen an, einen Beitrag zu schreiben, der nicht einem tagesaktuellem Geschehen gewidmet ist, auch wenn wir mit unserem Reisetagebuch noch nicht „bei“ sind.

Was sich am leichtesten zwischenbilanzieren lässt, ist die Technik:
„Klaus“ funktioniert, „Holda“ schnurrt. Und alle Unzulänglichkeiten, die sich aus dieser Richtung bisher ergeben haben, ließen sich beheben oder stören nicht weiter. Das Werkzeug kommt ab und an zum Einsatz, es gibt immer mal wieder was zu optimieren.

Unsere eigenen Nachrüstungen am Klaus bewähren sich gut – auch wenn sie unseren Start weiter verzögerten: Der große Gastank ist ein Segen und bewahrt uns vor europäischem Flaschenchaos; die Solaranlage macht, was sie soll und uns damit ein Stück mehr autark. Dafür sind Werks-Frisch- und Abwassertank eindeutig zu klein, um länger als 2-3 Tage Unabhängigkeit zu bieten. Und die Einbauten, die die „Fachleute“ bei unserem Verkaufshändler vorgenommen haben, sind …… – aber das steht bereits anderer Stelle.

Blöd sind zuverlässig unzuverlässige Internetverbindungen. Die von zuhause mitgenommene UMTS-Lösung mit deutscher Prepaidcard nervt und ist für uns nicht praxistauglich. Es bleibt bislang ein recht holpriges Arrangement.

Auch wenn wir vorher keine Ahnung von der ganzen Camperei hatten, war unsere Vorbereitung wohl doch nicht sooo schlecht. Es ist mehr oder weniger alles an Bord, was wir (bisher) benötigt haben. Na gut, ein Kartoffelstampfer fehlt, aber sonst ….

Auch mit den knappen 12m² unserer Klaus-Wohnung haben wir längst unseren Frieden geschlossen – die über 200m² meines schönen ex-Hauses verschwimmen in der Erinnerung bereits als völlig unnötiger Luxus und auch die 67m² von Bettinas Wohnung können wir uns jetzt als in der Zukunft ausreichend für uns beide vorstellen. Mal sehen…

An die Gesetzmäßigkeiten des Stell- und Campingplatz-Universums haben wir uns herangetastet und sind bereits recht routiniert. Wenn wir’s mal nicht wissen, finden sich immer andere, die uns gerne weiterhelfen – Danke!

„Wild“-Campen macht uns mehr und mehr Spaß – was haben wir schon für unglaublich schöne Plätze gefunden – Meeresrauschen aus nächster Nähe ist uns längst ein liebes und vertrautes Schlaflied geworden.

Gut, dass wir vorher keinen Plan gemacht haben. Keine Route, keinen Terminplan, gar nix. Dass wir vor der Abfahrt eine grobe Richtung festlegten („Nach Süden, wo es noch warm ist“) war natürlich hilfreich;) Aber ansonsten hätten wir längst alle Pläne über den Haufen werfen müssen, denn wir bleiben mal länger, mal gar nicht und fahren wieder, wenn’s regnet oder trist wird. Es scheint sich für uns zu bewähren, dass unser Rhythmus keiner ist.

Wunderschöne und bemerkenswerte Plätze, Städte, Landschaften haben wir schon sehen und erleben dürfen, freundliche und hilfsbereite Menschen getroffen und Genüsse für unsere Sinne in rauen Mengen gesammelt – es ist ein schönes Leben, so durch die Gegend zu ziehen!

Für mich gibt es -wie kaum anders zu vermuten- bereits ganz persönliche Erkenntnisse:

Tim, mein Sohn, ich vermiss dich mehr als gedacht!

Mit Bettina zusammen ist das alles gut. Es klappt, es läuft, es harmoniert. Ja, wir hatten längst in unserem EinJahrEuropa auch schon kriselige Tage und Streitzeiten, aber wir können immer wieder aufeinander zugehen, unsere Gründe verstehen und vermeiden, Groll und Zorn anzuhäufen. Das war ja vor unserer Reise nicht wirklich klar, schließlich sind wir zwar seit 5 Jahren ein Paar, aber vorher teilten wir unsere Liebe immer nur in einer Wochenendbeziehung. Wir sind also nicht nur einfach zusammengezogen, sondern hängen jetzt -hier im Klaus- gleich nochmals viel dichter aufeinander: 24/7. Wie schön, dass wir das offenbar tatsächlich -gut- können. Danke, Bettina!

Nach dem vorher monatelang dauernden Marathon (comXX-Verkauf und –Übergabe, Hausverkauf und -Renovierung, Umzug nach Wangen, Reisevorbereitungen und Klaus-Fertigstellung …..) hatte ich zum Start unserer Reise irgendeine Vorstellung davon, wie es weitergehen würde: Erst mal nach „unten“ fahren, 2 Wochen „echten“ Urlaub machen und dann nach „links“ oder „rechts“ weiterfahren. So nebenbei wollte ich mich in den 2 Wochen erholen, Kopf frei machen für die Weiterreise und die Sachen erledigen, die eben doch vor der Abfahrt seltsamerweise nicht mehr fertig wurden.

Pustekuchen! Jetzt, nach mittlerweile mehr als 3 Monaten, verfolgen mich immer noch etliche Hartnäckigkeiten und es kommt völlig unerwarteter Kram dazu. Es gab schon Tage, da kam ich mir vor wie Sisyphos…. langsam, sehr langsam wird es nun weniger „Büro“-Zeug.

Wenig hilfreich sind dabei auch immer wieder nervige Kommunikationswege. Gebetsmühlenartig schreibe ich allen, mit denen ich zu kommunizieren habe, dass man mir bitte ausschließlich per E-Mail antworten möge, weil ich Briefpost in diesem Reisejahr nur schlecht oder gar nicht empfange. Ihr könnt Euch vorstellen, was regelmäßig passiert ….

Mein größtes Eingeständnis ist aber, dass ich jetzt erst nach und nach merke, wie nahe ich vorher dem Nicht-mehr-Können war, wie deutlich bereits das Ausgebrannt-sein (oder neudeutsch: Burn-Out, oder klassisch: Erschöpfungsdepression) die Regie übernommen hatte. Es war absurd von mir, zu denken, dass 2 Wochen Urlaub die Geister der letzten Jahre auflösen könnten. Mein Erholungsbedarf ist auch jetzt nach 3 Monaten längst nicht gestillt. Im Gegenteil fange ich jetzt erst langsam an, den Stillstand auch zuzulassen und mir –mit Bettinas kluger Hilfe- einzugestehen, dass mein bereits mehrfaches gesundheitliches Zusammenklappen während unserer Reisezeit ein klares Signal für die Bedeutung des ganzen Themas ist. Also heißt es: Slow-down! Blöder Slogan, aber das trifft wohl den Kern. Dementsprechend freunde ich mich auch mit „Slow-Travelling“ immer mehr an;)

Auch wenn man’s nicht wirklich wissen konnte (aber vermutete): Wie ganz von selbst beginnt es, dass sich auf dieser Reise meine Blickwinkel ändern, sich bisherige Klarheiten relativieren und neue Ausblicke sich auftun. Gelassen warte ich darauf, wo sich meine Gedanken am Ende unseres EinJahrEuropa befinden werden.

Es ist gut, derzeit im besten Sinne „perspektivlos“ zu sein!

Ich vermisse Euch alle, die ich bereits kenne, mag und liebe – und freue mich auf alle netten Menschen, die wir nun bereits kennengelernt haben und noch kennenlernen werden.

Viele liebe Grüße
und Euch allen einen tollen Start ins neue Jahr!

B: Was Martin geschrieben hat, erscheint mir so vollständig, dass ich nicht mehr viel hinzufügen möchte. Was er über unser gemeinsames Reisen schreibt, das kann ich nur unterstreichen.

Was ich für mich merke, ist, dass ich erst am Ende dieser ersten 3 Monate angefangen habe, langsamer zu drehen. Hat mich noch vor ein paar Wochen die Unruhe gepackt, wenn wir für meinen Geschmack zu lange an einem Platz geblieben sind, ist es mir  jetzt schon lieb und recht an diesem Platz in der Nähe von Nafplio nach über 3 Wochen immer noch nicht zu wissen, wann wir wieder abreisen werden.  

Und ich bin neugierig, wie sich das Reisen im Äußeren, aber auch mich in meinem Inneren weiter verändern wird.

Ich wünsche allen, die uns auf dieser Reise begleiten,
ein tolles Silvesterfest und ein gelungenes Jahr 2015!

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