Archiv der Kategorie: Adria-Länder

Tag 42: Albanien

M: Albanien lehrt uns: Wir sind schon ziemliche Angsthasen! Denn ungefähr dies waren unsere Vorstellungen: Dunkles unbekanntes Land, hinter den Bergen, die Menschen finster und gefährlich, Ein- und Ausreise führen fast zwangsläufig zu Repressalien (wenn nicht gleich zur Verhaftung…). Selbstverständlich alles gar keine Vorurteile, gelle;) Dementsprechend lautete früh der gemeinsame Beschluss: Augen zu und durch! Eine Tagesfahrt muss reichen, nur schnell wieder raus da ….

Ihr ahnt es schon: Es wurde ganz anders. Gleich bei der Einreise zwar die ganz genaue Kontrolle und Registrierung von uns und Klaus. Es dauerte eine ganze Zeit – aber dann gleich die erste Überraschung, denn der Grenzer in seinem Häuschen fragt mich nach gefühlten 15 Minuten Tipperei mit ernstem Blick: „Martin?“ Ich nicke argwöhnisch und er erklärt mir mit Fingerzeig auf sich selbst und breitem Grinsen: „Martin!“ Na, da zahlt sich die Namenswahl doch gleich mal aus – noch kein Bein (Rad) im Land und schon erste Freundschaften geschlossen:)

Frohgemut geht‘s auf ins wilde Land – und es zeigt sich wirklich auch sofort fremd, arm und völlig anders als alle vorherigen Länder- nur: Gefährlich sieht es nicht aus….        

Wir sammeln während unserer Durchfahrt natürlich nur Eindrücke von der Straßenseite, von kennenlernen kann keine Rede sein, aber auf und neben den Straßen spielt sich in Albanien eindeutig ganz viel ab. Ungefähr jeder zehnte Einwohner muss Tankstellenbesitzer sein, anders ist die schier unglaubliche Anzahl an Tankstellen(-palästen!) nicht zu erklären. Dazu die größtmögliche Dichte an deutschen Luxus-Geländewagen (ich hätte nicht gedacht, dass es überhaupt so viele Mercedes M und BMW X6 gibt, wie hier an einem Tag durchs Land zu sehen sind). Auf der anderen Seite, direkt neben den Tankpalästen, sogenannte „Waschanlagen“: Sobald ein Stück Betonfläche ungenutzt und ein Wasseranschluss dabei ist, bieten Autowäscher Ihre Dienste an.

Überall am Straßenrand ist Leben, es wird gehandelt und diskutiert. Strecken mit achsmordenden Löchern wechseln sich ab mit tollen neuen Schnellstraßen durchs Land – ein Synonym für die sofort deutlichen Gegensätze im Land. Armut ist überdeutlich, aber genauso die Geschäftigkeit, das Bestreben, der Handel.

Was für uns völlig verblüffend ist: Selbst rechts und links und auf! den neuesten Straßen findet alles statt. Da werden Leitplanken entfernt und „private“ Zufahrten geschaffen, es wird auf Kleinbustaxis gewartet und quer über die Schnellstraße gelaufen. In der Mitte gemächlich über die Leitplanke geklettert und weiter geht’s. Maultiere und Eselskarren, Mopeds und Fußgänger – alles bewegt sich auch auf den „Schnellstraßen“. Damit ließe sich gut auskommen, allerdings bewegen diese sich auch gerne in gegenläufiger Richtung – uns entgegenkommend also. Es ist in Albanien wohl eher als normal anzusehen, was bei uns jeden Verkehrsfunksender kollabieren lassen würde:)

Irgendwann gewöhnt man sich an diese andere Normalität und dann bleibt Zeit für viele andere Eindrücke. Ein schönes, wildes Land, herrliche Flusslandschaften, Berge und Täler – ganz oben mit Schnee, ganz unten mit fruchtbaren Böden und viel geschäftigem Treiben.

Dazu gehören auch die in praktisch jedem Ort, durch den wir fahren, allgegenwärtigen Polizeikontrollen, die uns ein durchaus mulmiges Gefühl bereiten – allerdings nur anfangs. Dann merken wir, dass die Herrschaften an uns null und überhaupt nicht interessiert sind und fahren daraufhin jedes Mal freundlich grüßend durch.

Unsere Fahrt führt vom Grenzübergang Murriqan über Skodra, Lezha, Durres, Fier, Tepelane und Girokaster nach Sarande.
Im Dunkel noch eine Passfahrt vom Landesinneren über die Bergkette vor der Küste und dann bei Konispol über die Grenze nach Griechenland. Geschafft. Erkenntnis: „Mutti, Mutti, er hat gar nicht gebohrt!“

Übrigens: Gut einen Kilometer nach der albanischen Grenze kommt dann doch noch eine griechische Grenzstation. Und dieses Mal erleben wir wirklich mal einen mürrischen und stänkernden Grenzmenschen – welch schöner Empfang in Griechenland:(

Kaum im Land, finden wir direkt an der Küste einen prima Stellplatz für die Nacht – mit Sicht auf die Insel Korfu, die uns unmittelbar gegenüber liegt.

Tag 41: Montenegro

M: Weiter geht’s – „unten“ soll es wärmer sein, da zieht’s uns hin. Durch Montenegro müssen wir durchfahren – das sollte gut an einem Tag machbar sein. Pläne für das Land haben wir im Moment keine. Allerdings gibt es nur die Küstenstraße, die für uns in Frage kommt. Steile, eindrucksvolle Felshänge bestimmen das Küstenbild. Dort können wir bald mit einer Fähre über eine Meerenge, die Bucht von Kotor, fahren. Die Fährfahrt ist schnell vorbei, trotzdem ist es ein Vergnügen. Was man über die nun folgenden Strecken nicht behaupten kann. Die Fahrt führt uns an Landschaften vorbei und durch Städte hindurch, die eindeutig im Aufschwung sind. Leider werden überall die gleichen Sünden begangen, die auch Jahrzehnte später noch negativ nachwirken werden. Als ob andere (Deutschland, Italien, Spanien usw.) nicht schon lange vorher die Negativmuster bereits geliefert hätten …. Beispiel: Schöne Bucht, feiner Strand, offenbar ein netter Urlaubsort, alles schon vorhanden. Und zum guten Schluss darf irgendwer einen hässlichen, vielstöckigen und breiten Hotelklotz mitten vor die existente Infrastruktur klatschen, gutes Geld machen und den Rest versauen. Schade.

Irgendwann will’s Carin (immer noch Der Name für alle Navis) von uns wissen und führt uns wieder mal „durchs Gelände“…. Dabei weiß sie genau, wie lang und breit und hoch ihr Chauffeur Klaus ist. Nutzt aber nix, wenn das zur Verfügung stehende Kartenmaterial keine entsprechenden Informationen mitliefert. Und das macht es hier nicht. Wenigstens liefern wir mitten in einem alten Ortskern allen Umstehenden genügend Gesprächsstoff, wie das wohl hier jetzt für uns an der engen 180°-Kehre weitergehen könnte. Nach einer langen Fahrt über schmale Straßen durchs montenegrinische Mittelgebirge kommen wir irgendwann wieder auf eine Transversale, die besser schon vorher unser Weg gewesen wäre, trotz doppelter Strecke. Albanien ist gar nicht mehr fern, aber wir übernachten lieber noch in Montenegro. Auf dem Reserveparkplatz eines neuen Einkaufszentrums mitten in der Landschaft (wirklich: es ist kein größerer Ort weit und breit!) finden wir einen guten Übernachtungsplatz – sogar mit Gratis-Musik bis tief in die Nacht vom nahen Supermarkt-Café.

Tag 40: Dubrovnik

B: Weiterfahrt zum Campingplatz von Dubrovnik. Mitten zwischen Grün und Bäumen finde ich den Platz überraschend ländlich und angenehm für ‚direkt in der Stadt‘. Gut organisiert ist er – wir bekommen einen Stadtplan, der uns 3 Möglichkeiten der Besichtigung in Aussicht stellt, mit genauem Wegeplan und den Sehenswürdigkeiten, die man dabei streift. Dafür ist er auch doppelt so teuer wie sonstige Plätze in Kroatien. Nachdem wir geduscht und gefrühstückt haben, ziehen wir mit den Rädern los in Richtung der berühmten Altstadt von Dubrovnik. Bei dem Versuch Nebenstrecken zu radeln, die dann immer steiler bergauf gehen und im Nichts enden, verradeln wir uns dermaßen, dass wir letztendlich geschlagene 1,5 Stunden brauchen, bis wir da sind. Was für ein Anblick! Von oben schauen wir auf die Stadt mit ihren Wehrtürmen und der begehbaren Rundummauer. Wie gemalt, vom Meer umschmeichelt, liegt sie vor uns. Wir überschreiten die Zugbrücke und Dubrovnik empfängt uns mit einer Bauschönheit an der anderen und so einheitlich im Baustil, dass man meinen könnte, jemand hätte die Stadt an einem Tag erbaut. Hier bin ich froh, dass wir Ende Oktober da sind, ich glaube im Sommer wäre mir die Stadt zu touristenüberfüllt. Ein kroatischer Männermusikverein spielt später vor einer Kirche ein kleines Konzert. Mich freut es so, dieser Musik zu lauschen – und was denkt ihr wer tanzt? Na, ich nicht, aber ein kleines Mädchen und ein junger Mann mit offenbar kindlichem Verstand. Die, die (noch) keinen Mut brauchen, um das Naheliegende zu tun, wenn einem Musik in die Glieder fährt.

M: Dubrovnik ist Weltkulturerbe und Treffpunkt der Touristen dieser Welt. Bereits bei der Anfahrt entlang der kroatischen Adriaküste wird uns das beim ersten Blick auf die Stadt klar: Hier geben sich die Kreuzfahrtschiffe die Klinke in die Hand. In der -autofreien- Altstadt sind scheinbar alle Nationalitäten vertreten und auf dem großen Campingplatz finden sich besondere Mobile und Ihre Bewohner:
Christian Bilger aus Röhrwangen, der mit seinem Traktor „Fred“, dem auf einem Einachsanhänger aufgebauten Wohnwagen „Hilde“ und der Enduro „Lilly“ bis zum Berg Ararat und wieder zurück unterwegs ist. Vor dieser (aus unserem Klaus-Komfort-Blickwinkel) eher archaischen Art zu reisen ziehe ich meinen Hut und bewundere auch seinen Mut, diese Wege alleine zu gehen. Hier findet sich Christians Reise: www.slowdowneast.de

Ganz anders unterwegs sind die beiden Blackwells, die mit einem wahrhaft gewaltigen gelben Expeditions-Unimog U500  bei mir schwer Eindruck hinterlassen. Wenn Christian mit „Fred“ und „Hilde“ für low-tech-travelling steht, dann ist das Team „whiteacorn.com“  am absoluten High-Tech-Anschlag unterwegs. Wenn sich damit nicht die Welt überall umrunden lässt, dann mit gar nix.  Und ihre Internetseite bestätigt das: www.whiteacorn.com

Spannend ist es, sich mit der wechselvollen Geschichte Dubrovniks (früher war es die eigenständige Stadtrepublik „Ragusa“) zumindest im Überblick zu beschäftigen. Imponierend die architektonische Struktur der Altstadt und die Homogenität ihrer Bebauung. Der Unterbau einer weisen Stadtplanung war vor Jahrhunderten der grundkluge Gedanke, dass keiner den Neid des Nachbarn heraufbeschwören sollte durch einen noch prunkvolleren Bau und die Weitsicht, innerhalb der engen Stadtmauern rund um die zentrale Promenade, den „Stradun“, sehr strukturiert die Nebengassen  anzulegen.

Die mächtigen Stadtmauern, die das Bild Dubrovniks prägen, sind fast 2000m lang, bis zu 25m hoch und 3-6m dick – nicht schlecht!

Ein Gedanke drängt sich mir bei unserem Besuch mehrfach auf:
Wie nahe uns Krieg auch in Europa ist.
„Die Stadt wurde während des kroatischen Unabhängigkeitskrieges 1991 von der Jugoslawischen Bundesarmee bzw. den serbisch-montenegrinischen Truppen schwer beschossen und stark beschädigt, die Schäden sind heute zum Großteil behoben.“ (aus Wikipedia zitiert).


Tag 39: Brela, Trsteno

B: Erwachen bei Sonnenschein, Grund den kleinen Ort unterhalb unseres Übernachtungsplatzes anzuschauen. Brela ist ein kleiner, netter Sommerurlaubsort, der an den Hang gebaut ist, sehr beschaulich, – wir entspannen uns am Strand und Martin geht schwimmen. Dann ziehen wir weiter – Dubrovnik ist unser nächstes Ziel. Wir schrubben knapp 200km, um kurz vor Dubrovnik auf einem schönen kleinen Kirchplatz eine Übernachtungsbleibe zu finden.

M: Am Morgen nach unserer ersten (und überlebten!) „Wild“-Übernachtung lässt sich feststellen, dass wir ganz zufällig einen prima Platz mit toller Sicht auf Steilküste, Meer und kroatische Inselwelt erwischt haben – das lässt ja in Hinsicht auf unsere kommende Wildcamper-Karriere hoffen!  

Anders als Bettina empfinde ich Brela nicht nur als nett – aus irgendeinem Grund erscheint mir der Ort an der kroatischen Adria mit der zerklüfteten Küste, den noch im Ort bereits steil aufsteigenden Bergen, dem kleinen Hafen und seinem hübschen Badestrand in einer kleinen Bucht und mit Sicht auf eine der zahllosen Inseln vor der kroatischen Küste ein Sinnbild für einen perfekten, kleinen Urlaubort zu sein, bei dem ich an eine gute Mischung aus Beschaulichkeit und Betriebsamkeit denke (wissen kann ich’s ja nicht, denn genau: Ende Oktober = Saisonende!). 

Dann, auf unserer Fahrt Richtung Dubrovnik passieren wir dann u.a. das verzweigte Flussdelta der Neretva, die in einem breiten und fruchtbaren Tal in die Adria mündet. Das Tal ist –ganz im Gegensatz zu den umgebenden Berglandschaften- voll mit Menschen. Hier gedeihen Orangen, Fischer sind in Kanälen unterwegs und überall am Straßenrand werden Obst und Gemüse, die Früchte der Arbeit, angeboten – teilweise zu Spottpreisen (Orangen, ab 20 Cent/kg).

Beim Europa-Landkartengucken ist mir schon immer mal wieder aufgefallen, wie „ungerecht“ die adriatische Küstenlinie hier aufgeteilt ist – fast nur Kroatien weit und breit. Das Land zieht sich, immer schmäler werdend, nach Süden an der Küste entlang. Das Nachbarland Bosnien-Herzegowina bekommt fast nix davon ab, obwohl es -geografisch betrachtet- ständig auf ein Stück Küste lauert. Jetzt, auf unserem Weg nach Dubrovnik, kommen wir irgendwann auch einmal durch den Rest Küste, der für Bosnien-Herzegowina „übriggeblieben“ ist: ca. 5km Straße bei dem Ort Neum – kaum ist man drin, ist man auch schon wieder draußen. Dabei sind 2 Grenzstationen mit muffeligen Grenzern zu passieren und der Rest ist leider auch nicht schön. Nur 20km Küstenlinie im Land und die ist schruddelig touristisch verbaut. Dann geht’s mit Kroatien weiter, dessen südlicher Ausläufer nur ein schmaler Küstenstrich und eine Exklave ist.

Abends entschließen wir uns, die große Stadt erst am nächsten Morgen „anzulaufen“. Weniger als 20km vor Dubrovnik finden wir ohne lange Suche einen schönen Platz – den Kirchplatz des Ortes Trsteno.

An unserem –zufälligen- Übernachtungsort sehen wir erst am kommenden Morgen von unserem Kirchplatz aus den Wegweiser zu einem Arboretum, sind aber längst auf das schillernde Dubrovnik eingestellt und fahren los. Dass wir sozusagen an historischem Ort sind, nämlich nahe dem weltältesten Arboretum haben wir verpeilt und lesen wieder mal erst später davon. Naja, vielleicht kommen wir irgendwann nochmal nach Trsteno…..